Müdigkeit im Straßenverkehr – die unterschätzte Gefahr

Alkohol im Straßenverkehr, Drogenkonsum am Steuer oder stark überhöhte Geschwindigkeit sind der Mehrheit der Bevölkerung als Unfallursachen bekannt. Unfälle betreffen aber nicht nur die „Raser“ oder die Drogenkonsumenten, in den letzten Jahren wurde laut Daten der Statistik Austria Ablenkung zur Unfallursache Nr. 1. Laut Einschätzung der Polizei waren 2015 38 % aller Straßenverkehrsunfälle in Österreich auf Ablenkung zurückzuführen (Statistik Austria, 2016). Häufige Ablenkungsquellen sind dabei beispielsweise das Bedienen des Smartphones, das Benützen von Navigationsgeräten, Essen, Trinken, Rauchen oder Gespräche mit dem Beifahrer. Eine genauso alltägliche und sehr unterschätzte Unfallgefahr ist Müdigkeit am Steuer.

Müdigkeit im Straßenverkehr – die unterschätzte Gefahr

In einer Studie von Torner & Schützhofer (2010) gaben 88,8 % der Befragten (N = 161) an, bereits akut übermüdet mit dem Auto gefahren zu sein. Die National Sleep Foundation (2005) berichtet für die Vereinigten Staaten von Amerika von einer 1-Jahres-Prävalenz von 60 % für akute Müdigkeit am Steuer und von einer 1-Monats-Prävalenz von 32 % (2013). Viele Autofahrer berichten, nicht nur starke Übermüdung beim Fahren zu kennen, sondern auch bereits am Steuer eingeschlafen zu sein; die Lebenszeitprävalenz dafür liegt für Pkw-Fahrer laut einer norwegischen Studie bei 27 % (Sagberg, 1999), laut österreichischen Daten bei 26,7 % (Torner & Schützhofer, 2010). Überland-Lkw-Fahrer gaben in einer Studie von McCartt, Rohrbaugh, Hammer und Fuller (2000) sogar noch häufiger an, bereits einmal am Steuer eingeschlafen zu sein, fast jedem zweiten ist dies eigenen Angaben zu Folge schon einmal passiert (47,1 %). Das Phänomen Müdigkeit am Steuer ist vielen Fahrerinnen und Fahrern somit bekannt. Die Forschung zeigt allerdings, dass es in seiner Gefährlichkeit deutlich unterschätzt wird. Klauer, Dingus, Neale, Sudweeks und Ramsey (2006) gehen aufgrund ihrer Studien davon aus, dass sich das Unfallrisiko durch Müdigkeit verfünffacht. Die Statistik Austria (2015) gibt an, dass 4,6 % aller tödlichen Unfälle 2014 durch Müdigkeit verursacht waren, die Dunkelziffer dürfte aber vor allem bei Alleinunfällen auf der Freilandstraße hoch sein.



Selbst- und Fremdeinschätzung in Bezug auf die eigene Müdigkeit gehen oft nicht konform, man glaubt, Ermüdungserscheinungen kompensieren zu können und trotzdem leistungsfähig zu sein. Untersuchungen mittels pupillometrischen Schläfrigkeitstests (Walzl, 2007) zeigten dies ganz deutlich. Obwohl nur 12,8 % der untersuchten Pkw-Fahrer angaben, sich müde zu fühlen, hatten tatsächlich 30,7 % bereits auffällige Ergebnisse im Schläfrigkeitstest, bei den untersuchten Berufskraftfahrern fiel dieser Befund noch krasser aus. Lediglich 8,7 % der Lkw- bzw. Bus-Fahrer fühlten sich müde, tatsächlich waren es laut pupillometrischem Schläfrigkeitstest aber 53,2 %.

Müdigkeitsbedingte Gefahrenpotential

Das müdigkeitsbedingte Gefahrenpotential wird gerne unterschätzt. Kritische, die Fahrtauglichkeit einschränkende oder ausschließende müdigkeitsbedingte Auswirkungen sind deshalb oft schon gegeben, bevor der Fahrer oder die Fahrerin bewusst Gegenmaßnahmen einleitet. Woran kann man erkennen, dass man müde wird oder bereits ist? Viele müssen öfter gähnen oder bemerken eine erhöhte Lidschlusswahrscheinlichkeit. Die visuellen Fähigkeiten werden schlechter (z.B. verschwommenes, unscharfes Sehen), die kognitive Reizverarbeitung und somit auch das Reaktionsvermögen verlangsamen. Durch die schlechtere Konzentrationsfähigkeit kommt es nicht nur zu erhöhter Ablenkbarkeit, sondern auch zu Gedächtnisbeeinträchtigungen. Dadurch, dass die Leistungsbeeinträchtigungen unterschätzt werden, besteht auch bei offenen Augenlidern das Risiko, des Situationsbewusstseins zu verlieren, die Urteils- und Entscheidungsfindung ist beeinträchtigt (Czeisler et al., 2016).

Die Forschung hat auch gezeigt, dass viele Fahrer bei Müdigkeit zunächst auf ineffektive Strategien zum Munterbleiben vertrauen wie Musik hören, Fenster öffnen, Klimaanlage einschalten oder koffeinhaltige Getränke konsumieren, bevor sie effektive Gegenmaßnahmen gegen die Müdigkeit setzen wie das Einlegen einer Pause (Runda et al., 2013, Torner & Schützhofer, 2010, Armstong et al., 2010; Nordbakke & Sagberg, 2007). Als Gründe für die Weiterfahrt werden Zeit- bzw. Termindruck, die Tatsache, dass es sich nur um eine kurze Strecke handelt und der Wunsch, möglichst rasch am Ziel zu sein angegeben.

Während man im Berufsverkehr durch vorgeschriebene Ruhezeiten und Kontrollen gute Rahmenbedingungen gegen Müdigkeit am Steuer von Seiten des Gesetzgebers geschaffen hat, braucht es auf Seiten der Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer und auch im Privatverkehr noch viel Bewusstseinsbildung und Information, um müdigkeitsbedingten Unfällen vorzubeugen. In der Praxis hat sich gezeigt, dass aktives Erleben und Reflektieren der müdigkeitsbedingten Auswirkungen oft wirksamere Methoden als reine Informationsvermittlung durch z.B. Folder oder Broschüren sind. Zur Veranschaulichung der müdigkeitsbedingten Auswirkungen auf die (kraftfahrspezifische) Leistungsfähigkeit könnte man beispielswiese das Reaktionsvermögen vor und nach einem Arbeitstag als Berufskraftfahrer testen. Mittels eines Fahrtenschreibers könnte der Fahrer auch Rückmeldung über das müdigkeitsbedingt veränderte Fahrverhalten in Bezug auf Spurhalten etc. zu Beginn und am Ende des Arbeitstages oder einer langen Fahrt in den Urlaub erhalten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass die Selbsteinschätzung in Bezug auf die eigene Müdigkeit oft trügt. Um bei grundsätzlicher Fahreignung die Fahrtauglichkeit aufrechtzuerhalten und zum Beispiel ein „Nachmittagstief“ zu vermeiden, reichen oft schon kleine Tipps wie zu Mittag nicht zu schwer essen, den Blutzuckerspiegel am Nachmittag mit einem kleinen Snack hochhalten, ausreichend trinken, auf die Raumqualität in der Fahrerkabine in Bezug auf Temperatur und Luft achten.
Im betrieblichen Kontext können hier durch systemübergreifende und interdisziplinäre Zusammenarbeit von Gesetzgeber, Betrieb und Fahrerinnen und Fahrer mit Unterstützung von Arbeits- und Verkehrspsychologie wie angedeutet viele unfallpräventive Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen umgesetzt werden. Diese Maßnahmen könnten Vorreiter für den Transfer in den privaten Bereich sein. Ziel der Präventionsarbeit in Bezug auf Müdigkeit am Steuer muss es sein, mehr Fahrerinnen und Fahrer im privaten und beruflichen Kontext davon zu überzeugen, bei sich zeigenden Müdigkeitsanzeichen unmittelbar effektive Gegenmaßnahmen einzuleiten und nicht davor auf nachweislich unwirksame Maßnahmen zu vertrauen.

Mag. Dr. Bettina Schützhofer ist seit 1999 im Bereich der Verkehrspsychologie tätig, seit 2004 Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten (derzeit Universitäten Wien und Graz), seit 2006 Geschäftsführerin der „sicher unterwegs – Verkehrspsychologische Untersuchungen GmbH“ und der „sicher unterwegs – Verkehrspsychologische Nachschulungen GmbH“, seit 2011 allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Verkehrspsychologie.

Ihre Tätigkeitsschwerpunkte sind Verkehrs- und Mobilitätserziehung, Testentwicklung, verkehrspsychologische Forschung, Vortragstätigkeit, Verkehrspsychologische Untersuchungen und Nachschulungen. Sie verfügt über zahlreiche Publikationen im Bereich der Verkehrspsychologie, zuletzt (2017) erschien ihr Fachbuch „Verkehrsreife – Theoretische Fundierung, Entwicklung und Erprobung der Testbatterie zur Erfassung der Verkehrsreife TBVR 14+“ im Bonner Kirschbaum Verlag.

Müdigkeit im Straßenverkehr – die unterschätzte Gefahr
5 (100%) 3 votes
Quelle: Armstrong, K. A., Obst, P., Banks, T. & Smith, S. S. (2010). Managing driver fatigue: education or motivation? Road Transport Research, 19(3), 14-20. Czeisler, C. A., Wickwire, E. M., Barger, L. K., Dement, W. C., Gamble, K., Hartenbaum, N., ... & Tefft, B. (2016). Sleep-deprived motor vehicle operators are unfit to drive: a multidisciplinary expert consensus statement on drowsy driving. Sleep Health, 2(2), 94-99. Klauer, S. G., Dingus, T. A., Neale, V. L., Sudweeks, J. D. & Ramsey, D. J. (2006). The impact of driver inattention on near-crash/crash risk: An analysis using the 100-car naturalistic driving study data. Washington, DC: National Highway Traffic Safety Administration. Verfügbar unter: http://www.nsc.org/DistractedDrivingDocuments/The-Impact-of-Driver-Inattention on-Near-Crash.pdf [16.5.2017] McCartt, A., Rohrbaugh, J.W., Hammer, M.C. & Fuller, S.F. (2000). Factors associated with falling asleep at the wheel among long-distance truck drivers. Accident Analysis and Prevention, 32, 493-504. National Sleep Foundation (2005). National Sleep Foundation 2005 poll. Verfügbar unter: https://sleepfoundation.org/sites/default/files/2005_summary_of_findings.pdf [16.5.2017] National Sleep Foundation (2013). National Sleep Foundation 2013 poll. Verfügbar unter: www.sleepfoundation.org/2013poll [16.5.2017] Nordbakke, S. & Sagberg, F. (2007). Sleepy at the wheel: knowledge, symptoms and behaviour among car drivers. Transportation Research Part F: Traffic Psychology and Behaviour, 10(1), 1-10. Runda, K., Pilgerstorfer, M., Körmer, C. Steiner, M., Breuss, J., Brandstätter, C., … & Klösch, G. (2013). TAKE A REST – Müdigkeit am Steuer und ihre Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Konzentration in monotonen Fahrsituationen. Eine Müdigkeitsstudie auf Österreichischen Autobahnen. Wien: Kuratorium für Verkehrssicherheit in Kooperation mit dem ÖAMTC und ISWF. Sagberg, F., Jackson, P., Krüger, H.-P., Muzet, A. & Williams, A. (1999). Fatigue, sleepiness and reduced alertness as risk factors in driving. (TOI report 739/2004) Oslo: Institute of Transport Economics. Verfügbar unter: https://www.researchgate.net/profile/Alain_Muzet/publication/242168090_Fatigue_sleepiness_and_reduced_alertness_as_risk_factors_in_driving/links/55e5ca5b08aebdc0f58b8698.pdf [16.5.2017] Statistik Austria (2015). Straßenverkehrsunfälle - Jahresergebnisse 2014. Wien: Statistik Austria. Statistik Austria (2016). Straßenverkehrsunfälle - Jahresergebnisse 2015. Wien: Statistik Austria. Torner, F. & Schützhofer, B. (2010). Müdigkeit am Steuer. Posterpräsentation auf dem 6. gemeinsamen Symposium der deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin e.V. (DGVM) und der deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie e.V. (DGVP) in Tübingen. Walzl, M., Hagen, R. & Prummer, K. (2007). Pupillometrische Untersuchungen auf Schläfrigkeit bei Berufskraftfahrern. Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie, 57(11), 349-364.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in News, Verkehrssicherheit und verschlagwortet mit , , , , , , , , , , von Mag. Dr. Bettina Schützhofer. Permanenter Link zum Eintrag.

Ein Gedanke zu “Müdigkeit im Straßenverkehr – die unterschätzte Gefahr

  1. Gut geschrieben, wenn auch etwas schwer zu lesen. Abseits dessen: Risiken dieser Art sollten ohnehin nie eingegangen werden. Jeder einzelne Verkehrsteilnehmer mit Fahrerlaubnis sollte daher bereits im Sinne der Verkehrssicherheit aufs genaueste überprüft werden und dahin gehend ausreichend beraten. Das wäre eigentlich die Verantwortung jeder Fahrschule. Danke, Martina G.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.