Gesundheitsprävention beginnt im Hier und Jetzt

Das Leben in unserer Gesellschaft konfrontiert uns tagtäglich mit den Anforderungen, in einer Leistungsgesellschaft zu bestehen. Wir sind fest integriert, in ein System, das das Motto „schneller, besser, weiter“ tief in sich verankert hat und Stress und Druck als gegebenen Alltagsbegleiter hinnimmt. Auf die Frage nach dem Befinden, erwartet unser Gegenüber zumeist schon Sätze wie: „Ist gerade sehr stressig, danke!“, denn Entspannung und Phasen ohne produktive Aktivitäten sind gesellschaftlich nicht angesehen. Aber gleich vor weg: Gesundheitsprävention beginnt im Hier und Jetzt.

Trendwende: erzwungene Häuslichkeit

Während wir im Laufe unseres Lebens kontinuierlich damit beschäftigt waren, uns diesem System anzupassen, brach eine Krise über uns herein, die das Leben, an das wir uns gewöhnt hatten, auf den Kopf stellte. Durch die Corona-Pandemie waren wir vom einen Moment auf den anderen gezwungen, unseren Alltag radikal zu verändern, unsere beruflichen Aktivitäten kurzzeitig sogar einzustellen und uns ganz ins Private zurückzuziehen. Der gewohnte, aktive Lifestyle wurde mit einem Mal unmöglich und gleichzeitig war es kaum machbar, durch geliebte Alltagsaktivitäten einen Ausgleich zu schaffen oder soziale Kontakte in gewohnter Manier zu pflegen, was uns bei der Bewältigung der Situation unterstützt hätte. Hinzu kam die permanente Angst vor der potenziell tödlichen Krankheit, vor dem Verlust von geliebten Personen und natürlich die Trauer, wenn es im eigenen Umfeld zu einem Todesfall kam.

Alltägliche Katastrophenberichte

Im Laufe der letzten Jahre haben wir uns auch an diese angespannte Situation angepasst. Wir leben mit, nun reduzierten, aber nach wie vor stark spürbaren Restriktionen und sind immer noch in der Planung und Gestaltung von Freizeit- und sozialen Aktivitäten eingeschränkt. Auch dieser Faktor lastet schwer auf den durch die Strapazen der Leistungsgesellschaft verspannten Schultern, sodass sich jede/r Einzelne nach dem Tag sehnte, an dem die Corona-News nicht mehr die Medien beherrschen würden.

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Es herrscht Krieg

Es heißt bekanntlich, man soll sich gut überlegen, was man sich wünscht, denn auf die Dominanz der Corona-News in Presse und Fernsehen folgte nicht die erwünschte Berichterstattung, wie wir es von vor der Pandemie kennen. Erneut brach eine Krise über uns herein, mit der niemand so wirklich gerechnet hatte: Der Krieg in der Ukraine hält die gesamte Welt in Atem.

Die finanzielle Misere

Mit der Entscheidung des russischen Präsidenten, der Ukraine den Krieg zu erklären, beginnt eine Krise weltweiten Ausmaßes. Als Empathie empfindende Menschen, belastet auch uns das Schicksal der ukrainischen Bevölkerung, aber darüber hinaus werden wir im Dunkeln darüber gelassen, wie sich die Situation im weiteren Verlauf entwickeln wird. Durch ein Einschreiten anderer Global Player wird die Situation unvorhersehbar, aber bereits jetzt spüren wir die starken wirtschaftlichen Konsequenzen. Auch in den wohlhabenden zentraleuropäischen Ländern rutschen viele in die Armut; der Finanzmarkt war schon aufgrund der Corona-Pandemie stark geschwächt. Familien geraten ins Straucheln, wie sie mit der steigenden finanziellen Bürde umgehen sollen, Kinder spüren die Anspannung in der Familie, in der Gesellschaft. Einer Gesellschaft, deren Nerven tagtäglich auf eine Zerreißprobe gestellt werden.

Das Damoklesschwert

Bei vielen ist der Faden gerissen. Psychische Störungen, Depressionen, Burn-Out, Angst-, Zwangs- und Essstörungen haben in den letzten beiden Jahren drastisch zugenommen, in jedem Alter. Doch wer jetzt bereits spürt, dass er all diese Belastungen nicht mehr lange tragen können wird, dass die Psyche zunehmend unter dem Druck nachzugeben droht, dem kann durch präventive Maßnahmen geholfen werden, gesund aus den kritischen Jahren zu kommen. Niemand kann vorhersehen, wie lange unsere Welt noch so verkehrt laufen wird, wie lange uns Corona und der Krieg noch tagtäglich mit schlechten Neuigkeiten überraschen werden und wann das nächste Unglück über uns hereinbricht. Dennoch können wir durch aktive Prävention dafür sorgen, dass wir bis ins hohe Alter, psychisch gesund bleiben.

Wenn die Psyche streikt

Prävention nimmt in unserem Gesundheitssystem derzeit noch eine sehr untergeordnete Rolle ein. Tatsächlich stellt der Bereich auch den einzigen Aspekt des therapeutischen Konzepts dar, der ohne ärztliche Zuweisung erfolgen darf, was aber auch impliziert, dass sie als weniger dringlich oder ernst angesehen wird, da man „ohne jegliche Indikation“ zur Gesundheitsprävention zum Ergo-, Physio- oder Psychotherapeuten gehen kann. Die Inanspruchnahme eines/r Therapeuten/in ist aber sehr oft mit Scham verbunden, da gerade psychische Erkrankungen heute noch ein starkes Tabu-Thema sind. Zu Unrecht, wie Statistiken zeigen, die belegen, dass durch psychische Krankheiten erheblich viele Ausfälle von Menschen im arbeitsfähigen Alter bedingt werden. (https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/gesundheitszustand/krankenstaende/121708.html)

Faktor Psychoedukation

Mit der zunehmenden Belastung am Arbeitsplatz, die in letzter Zeit nicht mehr durch ausreichend Erholung in der von Katastrophen-Meldungen und Restriktionen geprägten Freizeit ausgeglichen werden konnte, hat sich die Gefahr, am Burn-Out-Syndrom zu erkranken, stark erhöht. Durch frühzeitige Erkennung verstärkter Belastung der Psyche, ließe sich die Manifestation des Syndroms in vielen Fällen verhindern, doch auch hierzulande sind Angebote der Psychoedukation derart rar gesät, dass nur ein geringer Teil der Bevölkerung in der Lage ist, erste Warnzeichen rechtzeitig wahrzunehmen.

Wofür brennt du noch?

In Fachkreisen unterscheidet man 12 Stufen des Burn-outs, die durch unterschiedliche Gefühlsstadien gekennzeichnet sind:

Stadium 1: Der Zwang, sich selbst zu beweisen
Stadium 2: Verstärkter Einsatz
Stadium 3: Subtile Vernachlässigungen eigener Bedürfnisse
Stadium 4: Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen
Stadium 5: Umdeutung von Werten
Stadium 6: Verstärkte Verleugnung der auftretenden Probleme
Stadium 7: Sozialer Rückzug
Stadium 8: Beobachtbare Verhaltensänderung
Stadium 9: Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit
Stadium 10: Innere Leere
Stadium 
11: Depression
Stadium 12: Völlige Burnout-Erschöpfung

Die Grenzen zwischen Burn-Out und Depression verlaufen fließend und sind mitunter auch für Psychotherapeut(inn)en nicht einfach zu erkennen. Doch gleichgültig, um welche Form psychischer Belastung es sich handelt: frühzeitige professionelle Behandlung und allem voran auch Prävention durch Psychohygiene, kann den entscheidenden Input zur Vermeidung langfristiger, schwerwiegender Konsequenzen der Erkrankung darstellen.

Keine Zeit für falschen Stolz

Wer während der zunehmend belastenden Situation nach und nach Symptome einer Depression, eines Burn-Outs oder einer Zwangsstörung zu entwickeln beginnt, sollte nicht zögern, sich in Behandlung zu begeben. Letztendlich muss man sich vor Augen halten, dass Prävention darauf abzielt, negative Konsequenzen in der Zukunft zu vermeiden. Kann also durch rechtzeitigen Therapiebeginn eine tiefe persönliche Krise verhindert werden, ist zum einen der ökonomische Vorteil, vor allem aber der Effekt auf ein langfristig gesundes Leben der Familie als Ganzes evident. Prävention ist also ein Investment in die eigene Gesundheit, aus der in der Zukunft nicht unerheblicher Gewinn zu ziehen ist.

Gesundheitsprävention beginnt im Hier und Jetzt

oder: Die Kunst des schönen Denkens

Wer die Barriere, eine/n Therapeuten/in zu konsultieren aber nicht überwinden kann, sei es aus finanziellen, zeitlichen oder persönlichen Gründen, hat auch als private Person unerschöpflich viele Möglichkeiten, mit zum Teil kleinsten Handlungen eine Veränderung seiner Zukunft ins Positive anzuregen und einzuleiten. Die Prävention persönlicher Krisen besteht in aller Einfachheit in der Selbstfürsorge. In kleinen Handlungen, die den Stress, die Belastung, reduzieren, die Seele lachen lassen. Was diese kleinen Dinge konkret sind, hängt von der individuellen Persönlichkeit ab, da man Wohlbefinden nicht durch Maßnahmen nach Schema X provozieren kann. Es geht also in einem ersten Schritt einmal darum, sich zu überlegen, was bereitet mir Freude, was sind die kleinen Dinge im Alltag, die einen positiven Unterschied machen können? Ist es eine kurze Runde an der frischen Luft, ohne technische Geräte, ist es ein intensives, schweißtreibendes Workout, bei dem wir uns wieder spüren können? Ist es eine kleine Praline oder vielleicht doch die ganze Schokotafel? Ein Filmabend mit den Liebsten? Ein Telefonat mit einer Freundin, von der man schon lange nichts mehr gehört hat? Was man braucht, in welchem Ausmaß und wie man es integriert ist höchst individuell, aber oft machen wenige Sekunden einen Unterschied.

Danke, dass du da bist!

Der Dreh- und Angelpunkt der Gesundheitsprävention ist die Psychohygiene, schließlich ist die gesunde Psyche auch eines der 10 Gesundheitsziele des Landes. (https://gesundheitsziele-oesterreich.at/psychosoziale-gesundheit/).
Nicht durch Zufall sind in der Gesellschaft gerade Journaling und Achtsamkeits-Routinen in aller Munde (https://www.gesundheit.gv.at/leben/stress/achtsamkeit). Tatsächlich kann nämlich ein gesteigertes Wahrnehmen der eigenen Ressourcen den Unterschied machen. Der Blick nach innen und zugleich nach außen, das Anstellen des richtigen Vergleichs schafft sowohl im Hier und Jetzt, als auch langfristig mehr Zufriedenheit und macht resilient gegen auftretende, potenziell erschütternde, Ereignisse in der (Um-)Welt. Ein Gedanken-Shift von „Was fehlt mir?“ oder „Was kann ich nicht?“ zu „Was habe ich?“ oder „Was mag ich an mir?“, kann den ausschlaggebenden Reiz bringen, um sich bewusst zu machen, worauf es im Leben ankommt und wie wir, durch die Steuerung unseres Mindsets in der Lage sind, unsere Realität zu verändern. Zufriedenheit ist eine Entscheidung. Gesundheitsprävention beginnt demnach bereits in kleinen Momenten der Dankbarkeit, also geh kurz in dich und überlege: Wofür bist du in diesem Moment dankbar?

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2 Gedanken zu “Gesundheitsprävention beginnt im Hier und Jetzt

  1. Wie gehe ich mit all den Belastungen um? Habe das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst. Seit ca. 2 Jahren ist nichts mehr so wie es war. Den Menschen in meinem Umfeld geht es ähnlich. Einige klagen über depressive Verstimmungen, Ängste, Panikattakten usw. und das obwohl diese Leute niemals mit psychischen Problemen zu tun hatten. Keine Ahnung weshalb ich hier schreibe, aber ich hätte das Bedürfnis mich mit Leuten über genau diese Themen auszutauschen…Lisa

  2. Habe mir kürzlich die CD-Box von Eckhart Tolle gekauft. Seine Philosophie finde ich sehr inspirierend und ist Gold wert in dieser Zeit. Kann ich an dieser Stelle nur jedem Leser, jeder Leserin empfehlen. Danke für Ihre positiv stimmenden Beiträge auf dieser Seite und weiterhin alles Liebe und Gute!

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