Wieviel Internet ist gesund?

Seit das Internet und das Worldwide Web allgegenwärtig sind, verstummen auch die Bedenken nicht mehr, welche Arten der Nutzung noch gesund sind und welche krank machen.

„Die Menge macht das Gift“, wusste schon Paracelsus. Manches wirkt bereits in sehr geringen Dosen förderlich, stimulierend oder gar heilend, während es in großen Mengen oder Dosen schadet.

Was wann wie wirkt, das hängt von etlichen Faktoren ab, die wir bis heute in den meisten Fällen nicht wirklich bestimmen können. „Gesundheit“ ist offenbar ein sehr komplexes Phänomen, das nicht einfach die Abwesenheit von Krankheit meint.

Ab wann ist „Medienkonsum“ gefährlich?

Wieviel Internet ist gesund?

Ich habe so meine Probleme mit dem Begriff „Konsum“. Er ist heute vor allem mit negativen Vorstellungen verbunden. Wir verbinden mit ihm das Verbrauchen, oft maß- und rücksichtslos. Da schwingt immer das Verschwenden mit, eine Einseitigkeit, die sich nicht um die Folgen des Verbrauchs kümmert.

Was die Medien betrifft, kommen die Warnungen vor allem aus den pädagogischen Reihen. Schon lange: Erst zu viel Fernsehkonsum, dann zu viel Videospielkonsum, jetzt zu viel Smartphone, WhatsApp und Snapchat. „Die kucken ja nur noch in dieses Ding“. Neue Entdeckungen und Entwicklungen waren immer von warnendem Rufen begleitet. So auch heute im Zeitalter der Digitalisierung: Die Menschen würden nicht mehr miteinander reden. Sie vereinsamten vor ihren Bildschirmen. Sie würden abhängig von den sozialen Medien. Sie entwickelten sich zum gläsernen Bürger.

Wie könnte ein „gesunder“ und damit förderlicher Umgang mit den digitalen Medien aussehen?

Wieviel Internet ist gesund?

Wieviel Internet ist gesund? – Fotolia © fgnopporn

Als erstes müssen wir die Digitalisierung als Herausforderung annehmen und nicht als Bedrohung verteufeln. Ich frage mich schon länger, ob es überhaupt möglich ist: Das Netz einfach zum Konsum zu nutzen? Ich kenne niemanden, der „nur“ zum Einkaufen oder „nur“ zum Spielen online geht. Ich weiß ausschließlich von Menschen, die das Netz sehr vielfältig nutzen: Zum einkaufen, spielen, sich informieren. Menschen, die sich in sozialen Medien einmischen, die ihre Meinung kundtun, die auf Amazon ihre Erfahrungen mit bestimmten Produkten zur Verfügung stellen, auch zu Büchern, Filmen, Hotels und anderen Dienstleistungen. Die im Netz nach Arbeit suchen und welche finden, die dort Interessensgemeinschaften bilden und finden – für jedes erdenkliche Thema. Menschen, die sich selbst aufklären in Fragen, die sie umtreiben: über die Erziehung ihrer Kinder, über eine schwere Krankheit, wie sie zu ihrem Recht kommen, oder wie sie sich mit anderen Alleinerziehenden zusammentun können. Deshalb denke ich: Es gibt den Konsumenten und die Konsumentin nicht. Es ist komplexer. Menschen liefern sich nicht einfach passiv dem Netz aus und schlagen „da drin“ ihre Zeit tot.

Das Internet als Chance sehen und nutzen

Das Internet als Chance sehen und nutzen

Das Internet als Chance sehen und nutzen – Fotolia © Antonioguillem

Wer das Netz nutzt, nimmt Einfluss auf das Netz. Wir gestalten es mit. Nie waren die Chancen größer als heute, dass Menschen sich selbstbestimmt bewegen können, sich gemeinsam wehren, sich ausdrücken und zusammenfinden als heute: durch die Möglichkeiten, die das Internet bietet. Nie zuvor entstanden so viele neue Initiativen, die alternative Arbeit, alternative Bildung und alternative Formen des Zusammenlebens entwickeln, als heute im Zeitalter der Netzwerk-Gesellschaft. Und was für mich fast das Wichtigste ist: Nie zuvor war die Chance größer, dass wir voneinander erfahren. Nie war die Chance größer, dass Unrecht aufgedeckt, Dummheit sichtbar und Missbrauch erkannt wird als heute. Wer sich im Netz bewegen kann, dem und der liegt die Welt zu Füßen.

Die Schattenseiten des Netzes und wie wir damit umgehen lernen

Natürlich hat das Netz auch seine Schattenseiten. Die haben einerseits damit zu tun, dass die kriminelle Energie auf unserem Planeten nicht aussterben wird. Andererseits werden Missbrauch und Verführbarkeit in erster Linie dann stark, wenn Menschen nicht über die nötigen Kompetenzen verfügen, um sich dagegen zu wehren. Hier kann Bildung ansetzen.
Die tut sich aber momentan alles andere als leicht mit der Digitalisierung. Das Bildungssystem ist streng hierarchisch aufgebaut, das Netz hingegen völlig flach. Schule, Berufsschule und Universität funktionieren durch Abgrenzung, durch strenge Kontrolle, und über die Zuweisung von Zertifikaten. Das Netz hingegen definiert sich über Transparenz, Offenheit und Vernetzung.

Deshalb ergeben sich im Moment eine Menge Konflikte in Schule, Ausbildung und Beruf. Diese altehrwürdigen Silos spüren intuitiv, dass ihnen die Felle davon schwimmen. Sie versuchen mit aller Macht, an ihren Privilegien festzuhalten. Ausgerechnet die Schulen hinken stark hinterher, wenn es darum geht, dass Kinder und Jugendliche fit werden für ein Leben in der digitalisierten Welt.



Es gibt keine einfache Lösung. Aber es gibt sie

Eine einfache Lösung sehe ich nicht. Die Zukunft ist digital. Der Mensch bleibt „analog“. Aus Fleisch und Blut zwar, aber um all das digital erleichtert, was ihm und ihr die letzten Jahrhunderte das Leben schwergemacht hat.

Der beste Schutz für den einzelnen Menschen ist dabei seine und ihre digitale Kompetenz. Ein ganzes Bündel von Fähigkeiten, um aktiv als NetzbürgerIn dabei zu sein. Um mitzugestalten und sich zu vernetzen. Durch die Digitalisierung werden Bildung und Arbeit in Zukunft nomadisch sein. Nicht mehr an Orte gebunden, überall möglich. Dezentralisiert und über starke Netze der Kollaboration.

Wer weiß, vielleicht wird auch die Bildung der Kinder und Jugendlichen in Zukunft immer weniger in den traditionellen Silos stattfinden. Womöglich lösen sich unsere alten Vorstellungen von Schule und Wissensvermittlung schon bald in Luft auf und machen neuen Formen menschlicher Bildungsarbeit Platz.

Ich sehe darin vor allem Chancen.

Über den Autor:

Dr. Christoph Schmitt ist systemischer Coach, Organisationsentwickler und Bildungsdesigner. Er berät Bildungsorganisationen in Fragen der digitalen Transformation. Im Teilpensum arbeitet er am Zentrum für Lernen und Lehren an der Hochschule Luzern. Demnächst erscheint sein e-book „Digitalisierung für Nachzügler. Erkenntnisse eines digitalen Immigranten.“ Mehr unter: bildungsdesign.ch

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Ein Gedanke zu “Wieviel Internet ist gesund?

  1. Ich frage mich manchmal wohin das überhaupt führen soll. Überall schauen die Menschen nur mehr aufs Smartphone. Überhaupt keine Interaktion mehr untereinander. Da bleibt doch das soziale total auf der Strecke. Ich tue mir schwer da einen Vorteil oder einen Chance darin zu sehen. Aber ja, im Zuge der Digitalisierung und hier geht es ja um das Thema Prävention verstehe ich natürlich, dass wir vor Herausforderungen stehen die wir gemeinsam bewältigen müssen. Aus dieser Perspektive verstehe ich auch, weshalb es wichtig ist – wie sie unterstreichen – das wir nicht die Augen davor schließen, sondern die Chancen der Digitalisierung nutzen! Ich habe mir auch Ihre weiteren Beiträge angesehen, gelesen und mir angehört! Danke, Herr Schmitt, Sie bringen das wirklich positiv rüber!

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